
Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Solidarität darf nicht beim Sonntagsbekenntnis enden

Drei Jahre ist der 7. Oktober 2023 jetzt her. Drei Jahre seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel, seit Menschen ermordet und als Geiseln verschleppt wurden. Und drei Jahre, in denen auch in Deutschland wieder sehr sichtbar geworden ist, wie gegenwärtig Antisemitismus noch immer ist.
Auch in Düsseldorf wird an diesem 7. Oktober wieder Solidarität mit den jüdischen Bürgern unserer Stadt bekundet. Es wird erinnert, gesprochen und versichert: Wir stehen gegen jeden Antisemitismus.
Nur: Was bedeutet dieses Versprechen am 8. Oktober?
Denn Solidarität mit jüdischem Leben darf keine Champagner- und Canapé-Solidarität sein. Keine Solidarität, die bei Gedenkveranstaltungen und Sonntagsreden funktioniert, aber leiser wird, sobald Haltung unbequem wird.
Die Realität in Düsseldorf ist schließlich bekannt. Jüdische Einrichtungen müssen dauerhaft geschützt werden. Die Sorge um jüdische und israelische Veranstaltungen ist gewachsen. Israelfeindliche Demonstrationen ziehen durch die Stadt. Im vergangenen Jahr wurde sogar unmittelbar vor der Düsseldorfer Synagoge während der Hohen Feiertage demonstriert. Jüdische Gläubige und Besucher wurden eingeschüchtert, es fielen Rufe, die auf die Auslöschung Israels zielten.
Das ist kein abstraktes Problem. Das passiert hier, in Düsseldorf.
Und genau an diesem Punkt wird es politisch interessant. Gegen rechtsextremen Antisemitismus zu sein, ist gesellschaftlicher Konsens. Schwieriger wird die Debatte offenbar, wenn Antisemitismus aus islamistischen Milieus kommt oder wenn auf Demonstrationen Israelhass als politische Meinungsäußerung verkauft wird.
Dann wird sehr genau abgewogen, eingeordnet und relativiert.
Dabei sollte es eigentlich ganz einfach sein: Wer „gegen jeden Antisemitismus“ sagt, muss auch jeden Antisemitismus meinen. Unabhängig davon, von wem er kommt.
Vor diesem Hintergrund lohnt auch ein Blick auf den diesjährigen Heinrich-Heine-Preis.
Düsseldorf zeichnet Nino Haratischwili aus, eine international erfolgreiche Schriftstellerin und bekannte Kritikerin Russlands und des russischen Imperialismus. Das ist im heutigen deutschen Kulturbetrieb keine besonders riskante Entscheidung.
Haratischwili hat allerdings mit Blick auf Gaza auch von einer israelischen Regierung gesprochen, die „gerade ein anderes Volk aushungern lässt“.
Natürlich kann und muss man über die Politik der israelischen Regierung streiten können. Daraus folgt auch nicht, dass Haratischwili eine Antisemitin ist. Aber man darf schon fragen, warum solche Aussagen bei der Vergabe eines mit 50.000 Euro dotierten städtischen Kulturpreises offenbar keine größere Debatte ausgelöst haben.
Gerade Düsseldorf setzt sich schließlich selbst hohe Maßstäbe beim Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus.
Vielleicht wäre genau hier einmal etwas mehr Mut gefragt gewesen.
Der Heinrich-Heine-Preis hätte die Gelegenheit geboten, ganz bewusst eine Persönlichkeit auszuzeichnen, die sich klar gegen den Antisemitismus unserer Gegenwart stellt und für die jüdisch-christlichen Wurzeln unserer Kultur eintritt. Eine solche Entscheidung hätte vermutlich mehr Diskussionen ausgelöst als die Auszeichnung einer international renommierten Russland-Kritikerin.
Aber vielleicht wäre genau das der Sinn gewesen.
Denn Haltung zeigt sich nicht darin, eine Position zu vertreten, für die man im eigenen gesellschaftlichen Umfeld ohnehin Applaus bekommt. Haltung zeigt sich dort, wo man bereit ist, Widerspruch auszuhalten.
Das gilt auch für den Umgang mit dem 7. Oktober.
Wir brauchen keine Stadtgesellschaft, die einmal im Jahr ihre Solidarität mit jüdischem Leben versichert und danach wieder zur Tagesordnung übergeht. Wir brauchen eine Stadtgesellschaft, die hinsieht, wenn jüdische Bürger eingeschüchtert werden. Die islamistischen Antisemitismus genauso klar benennt wie rechtsextremen. Und die auch im eigenen politischen und kulturellen Umfeld bereit ist, unbequeme Fragen zu stellen.
Denn „gegen jeden Antisemitismus“ ist ein großer Satz.
Er darf nicht nur auf einer Einladung zu einer Gedenkveranstaltung stehen.
Ob er ernst gemeint ist, zeigt sich erst dann, wenn Solidarität etwas kostet.
